FRAKTIONSARBEIT

Taten bewirken mehr als Worte

Leben ist kostbar. Jedes Leben ist wertvoll. Leben entwickelt sich. Es sucht sich seinen Weg und erfindet sich ständig neu. Unsere schnelllebige Welt verändert sich rasant.

Dinge verändern sich und Sachverhalte, die sich heute so darstellen, können morgen schon anders sein. In der letzten Sitzung des alten  Gemeinderates wurde entschieden, dass die Gemeinde die ehemalige Synagoge nicht  ankauft. Ein privater Investor hatte glaubhaft versichert, dass er das Gebäude im Benehmen mit dem Gemeinderat und dem Kultur- und Heimatverein saniert.

Der Investor hätte zum Notar gehen können und der Grundstückskauf wäre besiegelt worden. Aber er ging nicht zum Notar, er zog sein Kaufinteresse zurück. Damit hat sich der Sachverhalt grundlegend geändert. So ist das im Leben. Das „Warum“ spielt bei der Betrachtung der Fakten keine Rolle mehr. Im Vorfeld des Kaufes wurde mit falschen Zahlen jongliert und die ganze Angelegenheit spielte sich auch nur im stillen Kämmerlein der CDU-Fraktion ab. Die Öffentlichkeit wurde selbstverständlich auch vom Verwendungskonzept zum „Haus der Kultur“ ausgeschlossen. Diese Fehler wurden von den handelnden Personen eingeräumt und aufgeklärt. SPD und FWG wollten die Öffentlichkeit einbinden, aber wir waren zu wenige, um dies im Rat auch durchzusetzen. Eine Bürgerinitiative gründete sich. Das Gebäude wurde unter Denkmalschutz gestellt. Nunmehr stand der Gemeinderat wieder vor der Frage: „Wie entscheiden wir? Wollen wir einen Bürgerentscheid oder nehmen wir die Dinge selbst in die Hand?“

Die Antwort könnte ganz einfach sein. Aber nichts ist so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint. Unser Niederzissen könnte in der Öffentlichkeit Schaden nehmen. Das Thema polarisiert. Entweder man ist dafür oder dagegen. Das hat auch die Dorfmoderation deutlich gezeigt. Und alle Ratsmitglieder haben den Eid geleistet „Schaden von der Ortsgemeinde abzuwenden“. Ja, das Ansehen unserer Heimatgemeinde steht auf dem Spiel. Aber nicht nur hier in Niederzissen oder im Brohltal. Nein, auch der Kreis- und das Land schauen auf unseren Ort. Dort fragt man sich, wie ist der neue Rat aufgestellt? Wie ist es mit der kulturellen und vor allen mit der historischen Kompetenz des Rates?

Schaden abzuwenden, das Ansehen des Ortes zu fördern und  nicht  zu beschädigen und ganz wesentlich - die richtigen Entscheidungen - schnell zu treffen, dafür sind die Gemeinderatsmitglieder gewählt worden.Da haben persönliche Befindlichkeiten und Animositäten keinen Raum. Es geht nicht darum, gegen etwas zu sein, nur des Prinzips willen. Es geht darum abzuwägen, zu entscheiden, damit etwas bewegt wird. Es geht es um Niederzissen und um Verantwortung, die wir alle im Rat tragen. Das Leben findet jetzt statt. Rückwärts leben geht nicht. Aber Entscheidungen muss man in Kenntnis der Geschichte treffen. Heute ist so ein Tag, der 9. November, ein Schicksalstag in der Deutschen Geschichte. Was heute vor 71 Jahren in Niederzissen in der Reichskristallnacht geschah, war der öffentliche Beginn, der Anfang, der Judenverfolgung. 49 von 76 Juden, die bis zum Beginn des 2. Weltkrieges in Niederzissen lebten, kamen bei Zwangsarbeit im Osten um oder wurden in den Gaskammern der Vernichtungslager ermordet.

Welche Rolle spielte damals eigentlich die SPD? Die Partei, die 146 Jahre alt ist und große Worte wie Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität auf ihren Fahnen trägt? Die SPD hat 1933 als es um das Ermächtigungsgesetz im Reichstag ging, geschlossen dagegen gestimmt. Nur 94 Stimmen gegen Gleichschaltung, Parteien- und Gewerkschaftsverbot, Rassenhass, nationalsozialistischer Größenwahn, Judenverfolgung und Kriegstreiberei. 94 Stimmen für Freiheit und Gerechtigkeit. Die Rede des damaligen Fraktionsvorsitzenden Otto Wels ist wirklich lesenswert. Das nenne ich die Geschichte kennen, wenn man in der Gegenwart entscheidet.

Im Bewusstsein dieser Verantwortung hat die 1. Beigeordnete Ute Durwish alle Fraktionen und die Vertreter des Kultur- und Heimatvereines an den runden Tisch geholt. Nunmehr kauft also die Ortsgemeinde die ehemalige Synagoge in Niederzissen an, damit sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann. Es ist uns gemeinsam gelungen für diese Mehrheit zu werben. Die Dorfgemeinschaft wird wieder zusammen finden und die aufgerissenen Gräben werden bald der Vergangenheit angehören.

Rede bei der Gemeinderatssitzung am 09.11.2009
Thomas Berzen
(Vorsitzender der SPD Fraktion im Gemeinderat)

Veröffentlicht: Montag, 09. November 2009 17:01
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